der am 10.2.1898 in Augsburg geboren wurde, hielt sich seit 1925 dauernd in Berlin auf, wo er enge Beziehungen zur literarischen Szene und zum Theater aufnahm. Seit 1926 kam Brecht in verstärkten Kontakt zu marxistischen Theoretikern und sozialistisch engagierten Künstlern. 1927 erschien die erste Gedichtsammlung ("Hauspostille") und 1928 wurde die "Dreigroschenoper" zum grössten Theatererfolg der Weimarer Republik. Fernziel von Brechts Theaterarbeit war eine gesellschaftliche Umwälzung. Nach dem Reichstagsbrand 1933 flüchtete Brecht mit seiner Frau nach Dänemark und weiter in die USA. Dort arbeitete er ab 1947 weiter an den "grossen" Stücken von welchen einige in den USA aufgeführt wurden. Nach den Verhören und Verdächtigungen des "Committee of Unamerican Activities" kehrte Brecht nach Europa zurück. Es folgte ein einjähriger Aufenthalt in Zürich. 1950 erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft. In der folgenden Zeit beschäftigte er sich intensiv mit weiteren Theaterprojekten und lebte in Berlin (Ost). Am 14.8.1956 starb Bertolt Brecht nach einem Herzinfarkt in Berlin.
wurde am 2. März 1900 in Dessau geboren, wo er von 1915 bis 1918 Musiktheorie und Komposition studierte. Anschliessend besuchte er die Hochschule für Musik in Berlin und wurde 1920 an die Akademie der Künste in Berlin aufgenommen, wo er 1923 abschloss. Im März 1927 führte er erste Gespräche mit Bertolt Brecht und am 31. August 1928 fand im Theater am Schiffbauerdamm, Berlin, die Uraufführung der Dreigroschenoper statt. Am 21. März 1933 verliess Weill Deutschland in Richtung Frankreich. 1935 reiste er wegen der für Anfang Januar 1936 geplanten Uraufführung Der Weg der Verheissung nach New York. Hier begegnete er auch Bertolt Brecht wieder. Die Verschiebung der Inszenierung zwang Weill in Amerika Arbeit zu suchen. Am 27. August 1937 machte er den ersten Schritt zur Erlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft und wurde 5 Jahre später schliesslich endgültig eingebürgert. Erst am 1. Oktober 1942 traf er Bertolt Brecht in Kalifornien wieder. Der Meinungsaustausch und die freundschaftliche Korrespondenz setzten sich fort bis zu Weills Tod am 3. April 1947.
Peachum, Besitzer der Firma "Bettlers Freund", beherrscht und kontrolliert die Londoner Bettlerszene. Er staffiert sie wirkungsvoll mit mitleiderregenden Hilfsmitteln aus, organisiert ihren Einsatz und kassiert einen grossen Teil ihrer Einnahmen. Sehr ungelegen kommt Peachum, dass seine Tochter Polly sich ausgerechnet in seinen Konkurrenten Macheath, genannt Mackie Messer, verliebt. Ähnlich wie Peachum über seine Bettler herrscht Macheath über die Ganoven. Macheaths "Geschäfte" gehen gut, denn der Polizeichef Tiger Brown persönlich deckt seine kriminellen Machenschaften. Als alter Freund von Macheath erscheint Brown natürlich auch an der Hochzeitsfeier, die Polly Peachum und Macheath heimlich in einem Pferdestall abhalten. Obwohl Macheath jetzt sein Schwiegersohn ist, möchte Peachum seinen Konkurrenten loswerden. Polly warnt ihren Gatten zwar vor ihrem Vater, aber Macheath macht sich nicht allzu grosse Sorgen. Er übergibt die Leitung seiner Geschäfte Polly und begibt sich dann lieber ins Bordell statt zu fliehen. Dort wird er aber verhaftet, weil seine Lieblingshure, Jenny, ihn um des Geldes willen an Peachum verraten hat. Mackie muss ins Gefängnis. Er wird freilich nur nachlässig bewacht und die verliebte Lucy, die Tochter des Polizeichefs, befreit ihn. Da Peachum auch bemerkt hat, dass der Polizeichef und Macheath unter einer Decke stecken, sieht er sich gezwungen Macheath durch eine Erpressung aus dem Verkehr zu ziehen. Die Krönungsfeierlichkeiten des Königs stehen bevor und Peachum droht dem Polizeichef Brown den Krönungszug durch einen Aufmarsch seiner Bettler zur Katastrophe werden zu lassen. Brown muss handeln. Macheath ist abermals zu den Huren gegangen. Nochmals verrät ihn Jenny und erneut wird Macheath verhaftet. Diesmal soll er gehängt werden. Weder Bestechung noch die halbherzigen Rettungsversuche seiner Frauen und Freunde können das Todesurteil abwenden und dennoch wird Mackie Messer gerettet.
Auf den ersten Blick scheint es in der Dreigroschenoper zwei Gesellschaften zu geben: Die der Bürger und jene des Milieus. Brecht zeigt aber in der Dreigroschenoper auf, dass dem nicht so ist. Die Verbrecher, Bettler und das Rotlichtmilieu sind nicht zu trennen von den sogenannt moralischen und rechtschaffenen Bürgern. Beide Seiten bedingen einander und gleichen sich. Alle gehören sie unter den gleichen Mond von Soho. Im Stück werden die Tätigkeiten von Huren, Bettler und Gangstern auch als Arbeit ernstgenommen. Sowohl Peachum, als auch Macheath verstehen sich als Geschäftsmänner. Das "Geschäftemachen" ist ein zentrales Thema und durchzieht alle Charaktere im Stück. Die Figuren befinden sich im ständigen Konkurrenzkampf zu einander. Brecht zeigt dabei, dass alle Tätigkeiten, bei denen es um kapitalistischen Gelderwerb geht, sich gleichen. Die Methode des Räubers gleicht dem Vorgehen des Bankers und umgekehrt. Als Stütze für ihre Geschäfte dienen ihnen die Bibel und die Moral, welche sie aber in einem ganz anderen Sinne benutzen, als diese gedacht waren. So sucht sich Peachum Bibelsprüche um Mitleid zu erwecken und Macheath wendet einen Trick (ein tiefer Blick) aus der Bibel an, um Brown zu strafen. Die Moral wird auch benutzt um die Angestellten unten zu halten. Der Umgang mit Angestellten gleicht sich bei Brown, Macheath und Peachum: Bedingungslose Unterwerfung wird gefordert, Geld und Lorbeeren sackt der Chef selbst ein, ansonsten werden die Angestellten nur als Dreckhaufen bezeichnet. Auch in der Liebe ist es nur ein Deckmäntelchen, welches die "anständigen Frauen" von den Huren unterscheidet. Polly liebt ihren Mac vor allem wegen dessen Geld und Macht. Sie wird sehr schnell geschäftstüchtig und rational, als ihr bewusst wird, dass Macs Geld nach der Hochzeit auch ihr gehört. In gewissem Sinne verkauft auch sie sich an Macheath genau wie sich die Huren verkaufen. Die Lieblingshure von Mac geht sogar soweit, dass sie für Geld Mac an Peachum ausliefert. Die Dreigroschenoper zeigt damit, dass es keine Rolle spielt ob man Chef der Bettler, Gangsterboss, Polizeichef oder Direktor einer Fabrik ist. Bei kapitalistischen Geschäften wird immer jemand ausgenutzt. Bei den Geschäftsmännern ist es einzig das bürgerliche Mäntelchen, das über ihre Verbrechen hinwegtäuscht. Brecht möchte, dass der Zuschauer lernt, unter dieses bürgerliche Mäntelchen aus Bibel, Gesetz und Moral zu sehen und dass er den Zusammenhang Bürger-Verbrecher im kapitalistischen System begreift. Lassen auch Sie sich nicht von den eingängigen Melodien täuschen und schauen sie hinter die Tarnung!
Neben der Beziehung Bürger-Verbrecher zeigt sich in der Dreigroschenoper auch die Auseinandersetzung Brechts mit der traditionellen Theaterform. Bisher wollte das Theater Mitgefühl beim Publikum erwecken. Nach Aristoteles und G. E. Lessing sollte der Zuschauer mitleiden mit den Figuren auf der Bühne und dadurch ein besserer Mensch werden. In seinem Eingangsmonolog erwähnt Peachum zu Beginn des Stücks, was das Problem dieser alten Auffassung von Theater ist: Das Mitleid hat sich schnell abgenutzt. Besonders gegenüber dem wirklich Schrecklichen sind die Menschen abgestumpft. Man muss etwas erfinden, denn nur noch das erfundene, nicht das echte Elend, erweckt Mitleid bei den Menschen. Deshalb werden die Bettler nicht mit ihren wahren Problemen zum Betteln geschickt, sondern mit erfundenen Gebrechen ausgestattet. Ganz anderes hat das Theater Brechts im Sinn. Der Zuschauer soll nicht mitleiden und darüber die Wirklichkeit vergessen, sondern stets wissen, dass etwas nur gespielt wird. Dadurch werden die Zuschauer sich bewusst, dass sie etwas betrachten und können sich Gedanken über das Dargestellte machen. Der Zuschauer soll nachdenken über die gesellschaftlichen Verhältnisse und diese auch ändern wollen. In der Dreigroschenoper wird diese nötige Distanz des Zuschauers dadurch erreicht, dass jede Szene einen Übertitel hat, dass Haltungen von Figuren nochmals durch Songs veranschaulicht werden, dass Schauspieler aus ihrer Rolle heraustreten und das Publikum direkt ansprechen. Wenn man die Figuren betrachtet zeigt es sich, dass alle irgendetwas vorspielen. Peachum spielt den moralisch sauberen Geschäftsmann, die Bettler inszenieren das Mitleiderregende, die Huren inszenieren Schönheit. Die Liebespaare stellen die Romantik aus Filmen nach. Die Hochzeit im Pferdestall wird inszeniert als bürgerliche Hochzeit, mit Geschenken, schönen Möbeln und Tischreden von Freunden. Immer wieder gibt es einen Bruch und die Wahrheit scheint durch, etwa wenn die Ganoven nur ein einziges unpassendes Lied im Repertoire haben, wenn Teile des Essens schon aufgegessen wurden, wenn klar wird, dass alles nur gestohlen ist oder wenn brutal dreingeschlagen wird. Höhepunkt dieses Theaters im Theater ist die Szene wo Polly als Braut die Rolle der Seeräuberjenny übernimmt und die geklauten Möbel zur schmutzigen Theke werden. Auch der unrealistische Schluss macht dem Publikum bewusst, dass die Problemlösungen, die in einem Theaterstück möglich sind, niemals auf die Realität übertragbar sind. Die Irrealität des Schlusses öffnet dem Zuschauer die Augen für die Realität.
| Regie | Susanne Zürrer |
| Musikalische Leitung | Thomas Schuler |
| Orchester | Andreas Bommer |
| Flurin Casura | |
| Werner Eberle | |
| Ruth Jakob | |
| Sebastian Müller | |
| Felix Nipkow | |
| Walter Pankow | |
| Charlotte Renn | |
| Thomas Schuler | |
| Bühnenbild (Entwurf) | Peter Nüesch |
| Bühnenbau | Thomas Wiedmer, Wolfgang Fischer, Leo Rüegsegger, Renate Wiedmer |
| Kostüme (Konzept) | Barbara Pfyffer |
| Kostüme (Nähen) | Barbara Pfyffer, Bea Della Casa |
| Maske | Isabelle Graf Andrea Lüthi |
| Technik (Konzept) | Michael Oggenfuss |
| Abendspielleitung | Veli Kaynak, Herbert Reinhard |
| Buffet / Vorverkauf | Ursi Scheidegger |
| Buchhaltung | Carol Wiedmer-Scheidegger |
| Kasse | Ursi Scheidegger, Fränzi Gutjahr |
| Plakat (Gestaltung) | Ulli Bayer |
| Druck | Schneider Druck AG |
| Texte Programmheft | Julienne Furger, Claudius Lüthi |
| Fotos | Bruno Oberhänsli |
| Transporte | Thomas Wiedmer |
| Presse | Katrin Lüthi |
| Macheath, genannt Mackie Messer | Claudius Lüthi |
| Jonathan Jeremiah Peachum, Besitzer der Firma "Bettlers Freund" | Wolfgang Fischer |
| Celia Peachum, seine Frau | Ulli Bayer |
| Polly Peachum, seine Tochter | Franziska Schiegg |
| Brown, oberster Polizeichef von London | Jochen Mayer |
| Lucy, seine Tochter | Sabrina Steinmeier |
| Spelunken-Jenny | Carol Wiedmer-Scheidegger |
| Smith | Marco Pestalozzi |
| Konstabler | Cornelia Trummer |
| Pastor Kimball / Filch / Moritatensänger | Stefan Graf |
| Die Platte: | |
| Hakenfinger-Jakob | Marco Della Casa |
| Jimmy | Ueli Wettstein |
| Münz-Matthias | Marco Trevisan |
| Säge-Robert | Patrik Süess |
| Trauerweiden-Walter | Andreas Lohri |
| Bettler: | |
| Julienne Furger Andreas Lohri Katrin Lüthi Patrik Süess | |
| Huren: | |
| Julienne Furger Katrin Lüthi Cornelia Trummer Rosie Zürrer |
Brecht macht in "Baal" folgende Aussage: "Eine konsequente Selbstverwirklichung des vitalen, von allen moralischen Skrupeln befreiten Individuums ist innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft nicht möglich, da ihre Anpassungszwänge und Konventionen seinem individuellen Glücksanspruch entgegenstehen und seine Individualität auslöschen." Individuelle Persönlichkeit, wie sie heute grossgeschrieben wird, ist bei Brecht also eine Kategorie, die es nicht gibt. Das Individuum wird durch das Kollektiv aber nicht unterdrückt, sondern sieht sich durch dieses gestärkt und bestimmt, denn der Mensch an sich, ohne soziale und ökonomische Bezüge, ist nichts. Erst durch die Beziehungen wird er etwas. Aus diesem Grund vertritt Brecht auch die These vom sogenannten "Primat der Handlung gegenüber der Charakterdarstellung". Die Brechtsche Dramatik ist nämlich in erster Linie auf die darzustellende Geschichte ausgerichtet, d.h. auf das Spiel der Figuren mit anderen Figuren und auf die Auseinandersetzung mit anonymen und überpersönlichen Mächten. Das Innenleben der Menschen ist dagegen irrelevant, es zählt nur das gegen aussen Sichtbare im Zusammenspiel der Figuren. Es kann keine zentrale Figur geben, keinen exponierten Helden, auf den alle anderen bezogen sind. Stattdessen gibt es in Brechts Stücken mehrere Aktionszentren, die miteinander in Konkurrenz stehen. Die Personen sind in vielfältiger Art und Weise voneinander abhängig und keine Zentralfigur beherrscht das Spiel. Die Personen agieren also nicht als selbständige Individuen wie im klassischen Personendrama, sondern als Akteure ihrer Rollen, als Repräsentanten einer gesellschaftlichen Ordnung. Brecht geht von der These aus, dass das gesellschaftliche Sein sich vor allem als Widerspruch zwischen Klassen darstellt. Es wird deshalb nicht der Kampf zwischen Individuen, sondern zwischen Klassen dargestellt. Heute heissen diese Klassen nicht mehr Proletariat und Bürgertum, sondern vielleicht erste und dritte Welt. Die Verflechtung der verschiedenen Aktionszentren ist in einer globalisierten Welt aktueller denn je.
1993, vor zehn Jahren also, wurde das Estrich-Theater in Zürich von Amateurschauspielern gegründet. Da das Theater damals in einem ausgebauten Dachboden in Zürich probte, nannten die Gründer es "Estrich-Theater". Der Probeort ist bis heute geblieben. Seit den Anfängen dabei ist auch die Regiesseurin Susanne Zürrer. Durch Improvisationen, Stimmtraining und Körperübungen werden die Stücke alljährlich erarbeitet. Viele der Schauspielerinnen und Schauspieler bleiben über mehrere Produktionen bei uns. Sie alle sind Amateure und neben dem Theater berufstätig. Immer schon wichtig war dem Estrich-Theater die Live-Musik. Zu unserem 10 jährigen Jubiläum haben wir uns an eine Grossproduktion gewagt. Noch nie waren so viele Schauspielerinnen und Schauspieler beteiligt, noch nie war unser Orchester so gross, noch nie die gesanglichen Anforderungen so hoch. Brecht war ein hartes Stück Arbeit. Auch die Struktur der Szenen verlangte einiges ab. In der Dreigroschenoper sind nämlich Szenen mit wenigen Schauspielern ziemlich selten. Ziemlich häufig mussten wir deshalb für unsere Proben von unserem Estrich in grössere Räumlichkeiten umziehen. Vielleicht haben wir in diesen Proben Brecht verstehen gelernt: Nicht auf die einzelnen Hauptrollen kommt es an, sondern auf die Masse.