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Der Träumer Don Juan, der die Frauen flieht und die Geometrie liebt, avanciert zum Helden aufgrund eines Erkundungsgangs in muselmanische Lager, den er jedoch nur scheinbar unternommen hat, während er die zu erkundenden Masse der feindlichen Festung mit Hilfe der Geometrie von sicherem Punkt aus errechnete. Nun berühmt geworden, soll er vermählt werden mit Anna, der Tochter des Komturs Don Gonzalo.
So beginnt der erste Akt mit dem Fest am Vorabend der Heirat. Nach altem Brauch feiert man eine Maskerade, bei welcher sich Braut und Bräutigam Kraft ihrer Liebe erkennen sollen. Darum wird diese Nacht auch "die Nacht des Erkennens" genannt. Aber wider Erwarten der Gesellschaft erscheint Don Juan nicht. Dieser erreicht das Haus des Kumturs spät abends - völlig verwirrt über seinen Gefühlszustand. Es quält ihn die Frage, ob die Liebe wirklich etwas Tiefgründiges, Einmaliges, Persönliches sei. Unfähig eine Antwort darauf zu finden, will der Verstandesmensch Juan zu seiner Geometrie fliehen, wo er weiss, was er weiss.
Doch nachts im Park trifft der Unerfahrene ein Mädchen, mit dem er eine andere, anonyme, unpersönliche und triebhafte Liebe kennenlernt, die ihn noch mehr verwirrt und die ihn an der Wahrheit seiner Beziehung zu Anna zweifeln lässt. Was soll er machen? Die Gesellschaft erwartet, dass Don Juan heiratet und zwar die Frau, die er zu lieben geglaubt hat. Trotz seiner Verwirrungen erscheint Juan zur Hochzeit. Wie er erkennt, dass die Frau am Teich und die Frau, welche seine Gattin werden soll, ein und dieselbe Person sind, verweigert Juan das Jawort. Er kann nicht geloben, "was nicht stimmt". Seine Erfahrung hat ihn gelehrt, dass es die absolute Liebe zu einer einzigen Person nicht gibt. Konsequenterweise will Juan die Hochzeit endgültig verlassen. Doch die Gesellschaft verkennt seine Haltung und lässt es nicht zu, dass der Bräutigam sich einfach zurückzieht. Der Skandal ruft nach Rache. Mit dieser Wendung wird Don Juan in die rolle des "Don Juan" gedrängt.
Aber zwölf Jahre später ist Don Juan der Frauen und der ewigen Duelle mit Ehemännern, die immer das schwarze Los ziehen längst überdrüssig. Während eines Abendessens mit seinen ehemaligen Geliebten möchte er mit Hilfe der Kirche die Legende von seiner eigenen Höllenfahrt in die Welt setzen. Trotz der Aufklärungen des Bischofs, welcher sich als ein nach Rache sinnender Ehemann entpuppt, glauben die Damen an diese Höllenfahrt. Nach dem gelungenen Entkommen aus seiner misslichen Lage und aus seinem Don Juan-Dasein, lebt er in einer Villa in Ronda, wo er die Freiheit besitzt, sich vollkommen der Geometrie zu widmen. Nichtsdestotrotz zieht es ihn immer wieder zu der Hausherrin hin. Er lernt eine neue Art der Liebe und des Zusammenlebens kennen.
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Die Grundlage der unzähligen Deutungen des Don Juan-Stoffes liegt im Theaterstück "Don Juan - der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast" des spanischen Renaissanceautors Tirso de Molina, welches im Jahre 1642 uraufgeführt wurde. Dieser Text ist die erste und auch bedeutendste schriftliche Fassung der Geschichte, in welcher Motive aus älteren spanischen Dramen und von anderen Ländern zusammengestellt werden. Zu dieser Zeit besteht eine strikte Weltordnung, welche auch für das damalige Publikum absolute Gültigkeit hat. Don Juan besitzt ein renaissancehaftes Persönlichkeitsbewusstsein und lebt ausserhalb der göttlichen Ordnung. Er ist der grosse Verführer, für welchen keine moralischen Gesetze gelten, was in seiner Lust an den provokativen Streichen, den "Burles", mit welchen er immer wieder den Gedanken an einen strafenden Gott verdrängt, zum Ausdruck kommt. Daher kann der Autor ihn in der Hölle versinken lassen und somit ein lehrreiches abschreckendes Beispiel geben.
Max Frisch stellt im Nachtrag zu "Don Juan" fest, dass die ernstgemeinte Höllenfahrt von einem heutigen Stückeschreiber nicht erwartet werden kann, aber sie gehört zur Figur des Don Juan wie auch seine unzähligen Verführungen. Frischs Lösung:
Was uns bleibt, ist die Poesie, und in ihrem Sinne mag die klassische Legende von der Höllenfahrt allerdings bestehen bleiben. Verzweifelt über das Unmögliche seiner Existenz, wobei dieses Unmögliche sich nicht als metaphysisches Gewitter, sondern schlechterdings als Langeweile manifestiert, ist es nunmehr Don Juan selbst, der die Legende von seiner Höllenfahrt inszeniert - als Opfer, als Schwindel, um zu entkommen, gewiss; als Kunst, die etwas absolutes nur vorgibt, als Poesie, gewiss, aber dann erweist es sich, dass diese Legende, womit er die Welt zum Narren hält, nur die Ausdrucksfigur seines tatsächlichen, seines inneren und anders nicht sichtbaren, doch ausweglos wirklichen Endes ist.
In dieser Komödie hat Frisch die Vorzeichen umgekehrt: Don Juan ist - im Gegensatz zur Legende - nicht der grosse Verführer, sondern selbst der Verführte. Um dieser zu entgehen, flüchtet er in die Wissenschaft, bleibt aber in seinem Handlungsraum eingeschränkt. Seine Rolle wird von aussen bestimmt und er befindet sich schliesslich in einer Öde, in welcher sogar die Geometrie fade wird. Zu diesem Zeitpunkt findet eine Änderung in Juan statt, und er legt nach und nach seinen Mythos ab. Es wird kein Lehrstück gezeigt, sondern verschiedene Formen von zwischenmenschlichen Beziehungen gegeben und analysiert. Daneben wird die intellektuelle Welt zum Teil parodiert, und klar im Gegensatz zum Don Juan der Barockzeit steht das Bild der Gesellschaft: Frisch zeigt eine Persiflage des gesellschaftlichen Umgangs.
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Bereits in den ersten Stücken des berühmten Schweizer Autors(191-1991) erkennt man versuche, die frage zu beantworten, welche sein ganzes Werk bestimmt und ihm seine Einheit gibt: die frage nach der Identität. Diese zieht als weiteres Thema die Beziehung zwischen Mann und Frau mit sich. Auch im Stück "Don Juan oder die Liebe zur Geometrie"(1953) kommt es zu einer Annäherungen an seine Grundfragen.
Frisch ist in seiner ersten Zeit als Literat als Bühnenautor bekannt geworden. Für ihn stellt das Theater eine Werkstatt dar. Werkstatt daher, weil er mit jeder Inszenierung neue Ideen, Impulse und Unklarheiten erhält und so gezwungen wird, seine Stücke immer wieder zu überarbeiten. Regelmässig holte er alte Stücke hervor, um stilistische Veränderungen anzubringen oder Neufassungen zu konzipieren. Einmal notierte er:
Die meisten Menschen haben ein Glück, dessen sie sich nie bewusst werden. Sie brauchen nicht zu hören, was sie vor Jahrzehnten gesagt haben , und nicht zu sehen, wie sie sich vor Jahrzehnten bewegt haben. Der Schriftsteller, ob er will oder nicht, ist dieser Prüfung unterworfen und zwar öffentlich(1965)
Im Gesamtwerk Frischs hat "Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie" mehr Gemeinsamkeiten mit der Prosa als mit den nachfolgenden Theaterstücken. Bei "Biedermann und die Brandstifter" und "Andorra" liegt ihr Wert uneingeschränkt als Folie für Diskussionen; sie sind anregend, durchaus politisch gedacht. Dagegen wird im Roman "Stiller" das Problem der Identitätskrise geschildert bzw. aufgezeigt, wie der Protagonist versucht, der ihm von der Umwelt aufgezwungenen Rolle zu entkommen. In "Homo faber" wird ein Intellektueller dargestellt, der sich vollkommen in sein Wissensgebiet zurückziehen möchte, aber an den sozialen Gegebenheiten scheitert. Beides wird im "Don Juan" vorweggenommen.