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Sein und Schein
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Porträtfotos mit Zitaten







Das Estrich-Theater spielte 2000:


Der Talisman
von Johann Nestroy


Posse mit Gesang in drei Akten
Musik von Adolf Müller
Arrangiert von Michael Heisch
Vom 15. Juni 2000 bis zum 8. Juli 2000
in 12 Aufführungen


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Titus Feuerfuchs wird wegen seiner roten Haare überall ausgelacht. Als er auf der Suche nach Arbeit einem Monsieur Marquis das Leben rettet, ändert sich für Titus aber alles. Monsieur Marquis schenkt ihm nämlich eine schwarze Perücke als Talisman. Dank der neuen Haarfarbe stellt die Schlossgärtnerin Flora Titus als Gärtner ein. Kurz darauf erscheint die Kammerfrau Constantia, die ebenfalls Gefallen an Titus findet und ihn zum Jäger befördert. Sie nimmt ihn mit aufs Schloss, um ihn der Schlossherrin, Frau von Cypressenburg vorzustellen. Während Titus bei Constantia auf seinen Auftritt wartet, begegnet ihm Marquis, der mit Eifersucht auf Titus' Gebaren reagiert. Kurz nach der unangenehmen Begegnung schläft Titus, beduselt von seinem Glück und dem edlen roten Wein, ein. Er träumt von Constantia und spricht im Schlaf. Unverhofft hört Marquis die im Schlaf geäusserten Zärtlichkeiten. Voll Eifersucht nimmt er ihm die schwarze Perücke wieder weg. Der verzweifelte Titus zieht in der Not die erstbeste Perücke an, deren er sich bemächtigen kann. Statt eines schwarze wie angekündigt hat die Schlossherrin einen blonden jungen Mann vor sich. Sie ist aber so angetan von seiner Eloquenz und Erscheinung, dass sie glaubt die Kammerfrau habe sie belogen. Sie engagiert Titus als Privatsekretär und gibt ihm auch gleich eine angemessenere Kleidung. Aus Furcht, die haarige Angelegenheit könnte ans Tageslicht gelangen, zeichnet Titus von der Gärtnerin, dem Marquis und Constantia ein so schlechtes Bild, dass die Frau von Cypressenburg die drei auf der Stelle entlässt. Der Marquis deckt den Schwinde aber auf und Titus wird vom Schloss gejagt. Glücklicherweise taucht sein reicher Onkel Spund auf. Um den Onkel nicht mit den roten Haaren vor den Kopf zu stossen, setzt Titus die alte, graue Perücke des verstorbenen Gärtners auf und erzählt ihm, er sei über Nacht aus Kummer grau geworden. Der Onkel ist darob so gerührt, dass er Titus als seinen Universalerben einsetzt. Kann man ein solches Angebot ausschlagen?

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Johann Nepomuk Nestroy wurde am 7. Dezember 1801 in Wien geboren. Der junge Nestroy sollte wie sein Vater Jurist werden. Mit 19 Jahren wurde er an der juristischen Fakultät der Wiener Universität immatrikuliert, doch es zog ihn immer stärker zum Gesang und zum Theater. 2 Jahre später brach er das Studium ohne Abschluss ab und erhielt im selben Jahr die Gelegenheit am k.k. Hoftheater den Sarastro in Mozarts Zauberflöte zu singen. Im selben Jahr lernte er Maria Wilhelmine von Nespiesny kennen, die er bald darauf heiratete. Zwei Tage nach der Hochzeit verliess das Ehepaar Wien in Richtung Amsterdam, wo er als erster Bassist am Deutschen Theater unvergleichlich mehr Spielgelegenheiten hatte als in Wien. In Amsterdam stand er drei Jahre auf der Bühne. Es folgten Engagements in Brünn und Graz. Weil die Tragfähigkeit seiner Stimme allmählich nachliess, musste er den Übergang vom Opernsänger zum Schauspieler vollziehen. Mehr und mehr wuchs er ins komische Rollenfach. Die Rollenerfahrungen als Sänger kamen dem späteren Autor zugute. Die Opernkarikaturen in seinen Stücken haben hier ihren Ursprung. Mit dem Durchbruch als Schauspieler im komischen Fach ging der Bruch seiner Ehe mit Wilhelmine einher. In Graz lernte er 1827/28 die Schauspielerin Maria Antonia Cäcillia Lacher kennen, die seine Lebensgefährtin wurde. Mit ihr hatte er zwei Kinder. Nestroys grotesker und parodistisch übertriebener Stiel war neu. Sein antiillusorischer Spielstil machte den Kritikern Probleme und sie bemerkten, er sei nur auf Effekte aus, betone zu stark seine eigene Rolle, vernachlässige die Charakterdarstellung und spiele "gemein". Zeit seine Lebens hatte Nestroy wegen zensurwidrigen Texten und improvisierten Einlagen mit zeitkritischem Inhalt Schwierigkeiten mit der Theaterpolizei, was ihm sogar Arreststrafen einbrachte.

Zum Thema Vorurteil

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Rotes Haar hats Fegfeuer schon auf dieser Welt. (Volksweisheit)
Roti Haar und spitzi Chin, wohnt der Tüfel mitte drin. (Kanton Bern)
Was ruot is, is Fux, und des is nit nutz. (Böhmen)
Rote Haare, Sommersprossen, sind des Teufels Holzgenossen. (Volksweisheit)
Rote Haare, Gott bewahre!(Volksweisheit)
Rotes Haar nimm dich in acht, hat noch jedem Leid gebracht. (Oberpfalz)
Vorurteile entstehen nicht aus der blossen konfrontation mit anderen Menschen, sondern sie werden meist übernommen. Das zeigt auch die Vielfalt der Sprüche und Verse, die es über Rothaarige gibt. Anhand dieser Sprüche werden die gängigsten Vorurteile gegen Rothaarige ersichtlich. Rothaarige sollen einen Bund mit dem Teufel geschlossen haben, sie sind unnütz, gefährlich und stellen eine Schande dar. Rot auf dem kopf eines menschen ist noch heute ein Symbol der minderheit, und Minderheiten werden oft zu Aussenseitern abgestempelt. Das physische Kennzeichen dient als greifbares Aussenseitersymbol. So verschiedendie Vorurteile, so unterschiedlich die Art und Weise damit umzugehen. Während sich Salome in ihr Schicksal fügt, versucht Titus seinem Schicksal zu entweichen. Er versucht sein ¨äusseres Merkmal zu verbergen, um sich aus der sozialen Isolation zu befreien. Oft bestätigt sich das Vorurteil selbst. Um gesellschaftlich aufzusteigen, muss sich Titus einer List bedienen und bestätigt dadurch wieder das gängige Vorurteil, Rothaarige seien listig.
Die Farbe Rot steht für die Sünde und rot lodert das Höllenfeuer, Rot steht aber auch für Liebe und Freiheit. Dieser Widerspruch zeigt sich heute noch. Menschen mit echten roten Haaren wird oft mit Abneigung begegnet, gleichzeitig jedoch zeigt sich der Trend, die Haare in den verschiedensten Rottönen zu färben.
Die Beliebtheit roter Haare hat paradoxerweise eine Gleichheit der Andersartigkeit hervorgebracht.
In der heutigen Zeit wird Individualismus grossgeschrieben und jeder ist bestrebt, sich von der Masse abzuheben. Doch nur gewolltes Anderssein ist geragt. Naturfarbige und Dicke haben es nicht so leicht wie Titus und können sich einfacheine Perrücke anziehen. Ihr äusserliches Anderssein beraubtsie ihrer Individualität und sie werden in ein Schema von Vorurteilen gepresst.

Schein und Sein

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Balzende Tauben-Männchen versuchen möglichst kräftig zu wirken, indem sie sich aufplustern. Fruchtfliegen tragen dasselbe gelb-schwarze Kleid wie Wespen um gefährlich zu scheinen und es gibt harmlose Schlangen, die sich als giftige tarnen um nicht angegriffen zu werden. Bei den Menschen und den Tieren gibt es den Schein sowohl zum tarnen als auch zum Balzen.
Sein und Schein, der Unterschied zwischen dem, was man ist und dem, was man vorgibt zu sein, bzw. wie man von seinem Umfeld wahrgenommen wird. Idealerweise sind beide deckungsgleich: Man ist wie man sich gibt. Wenn sich die zwei unterscheiden, dann kann dies in zweierlei Weise geschehen: Entweder wird bewusst versucht, das Sein mit einem besseren Schein zu verdecken, oder das Umfeld setzt einem einen Schein auf. Das letztere ist das Vorurteil. Auf Grund des Äusseren wird auf das sein geschlossen.
Beide Varianten kommen im Talisman vor. Auf irgendeine Weise versuchen alle Figuren höher zu scheinen als sie sind. So freut sich der Marquis über seinen vielversprechenden Namen und die drei Witwen geben Titus immer gleich Beweise ihrer Macht und ihres Einflusses. Sie alle gehen nach dem Ausspruch von Marquis: "Die gefällige äussere Form macht viel- beinahe alles". Eine Ausnahme bildet Salome, die sich von Anfang an damit abfindet, auf der untersten Stufe zu stehen.
Mit den Perücken setzt sich der rothaarige Titus einen Schein auf. Er lernt schnell, sein Äusseres mit immer schnörkelhafteren Sprechweise zu kombinieren. Durch seinen Schein werden die Witwen so geblendet, dass sie ihn sofort heiraten möchten. Je höher Titus steigt, desto mehr muss er sein Sein verstecken und seinen Schein leben lassen, bis Marquis allen zeigt, was sich hinter dem Schein verbirgt.
Ist also nicht wie man ist, sondern für was man gehalten wird, entscheidend?

Mitwirkende

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RegieSusanne Zürrer
Musikkomposition, musikalische LeitungMichael Heisch
Klavier und Arrangement Kurt Dähler
Violine Matthias Pfund
Bühnenbild (Entwurf)Peter Nüesch
BühnenbauHermann Scheidegger, Wolfgang Fischer, Stephan Vonmont
BühnenmalereiRoger Keller, Nicole Böninger
Kostüme (Beratung, Anproben, Nähen)Regula Allemann
Kostüme (Entwürfe, Beratung,Nähen)Vreni Urech
Maske und FrisurenIsabelle Graf
Beleuchtung (Konzept, Einrichtung)Antipe da Stella
Beleuchtung (Abendleitung)Eve Gutjahr, Veli Kaynak, Hans-Peter Lehmann
FotosBruno Oberhänsli
ProgrammtextJulienne Furger, Claudius Lüthi
Plakat (Gestaltung)Stefan Bommeli
Druck (Plakat, Programmheft)Schneider Druck AG
Buffet, VorverkaufUrsi Scheidegger
Buchhaltung, Abendkasse Fränzi Gutjahr
TransporteThomas Wiedmer

Darsteller

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Titus Feuerfuchs, ein vazierender BarbiergeselleClaudius Lüthi
Frau von Cypressenburg, WitweVreni Urech
Emma, ihre TochterNathalie Gessner
Constantia, ihre Kammerfrau, ebenfalls WitweClaudia Egger
Flora Baumscher, ihre Gärtnerin, ebenfalls WitweCarol Wiedmer-Scheidegger
Plutzerkern, GärtnergehilfeStephan Vonmont
Peppi, GärtnergehilfinRamona Magnano
Monsieur Marquis, FriseurSebastian Horschik
Spund, ein BierversilbererUeli Wettstein
Georgette, Bedienstete der Frau von CypressenburgJulienne Furger
Salome Pockerl, GänsehüterinSilja Dähler

Porträtfotos der Darstellerinnen und Darsteller mit Zitaten aus dem Stück


Zur Musik: Tu felix austria?

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Von Michael Heisch, im Mai 2000 Mit dem "Talisman" begleite ich als musikalischer Leiter und Arrangeur ein weiteres Nestroy-Stück innerhalb einer Produktion des Estrich-Theaters. "Das Mädel aus der Vorstadt" hat es mir damals angetan und hat mir eine leidenschaftliche Liebe zu Nestroy-Stücken (zum Theater überhaupt) entfacht. Susanne Zürrer bin ich heute noch dankbar dafür.
Gar nicht so einfach, mit diesem Gspussi umzugehen, denn oft stosse ich auf kopfschüttelndes Unverständnis. "Nestroy? Da herrscht anfangs Verwirrung und am Ende heiraten alle", raunzen mir viele Unkundige zu. Falsch! Alles falsch! Misslungene Verwechslungsspiele, kurzfristiger Rollentausch, komödiantische Volkstümlichkeit, hanswurstige Wiener Behäbigkeit? Mag sein. Aber eigentlich ist alles nur ein Vorwand, ein geschicktes Mimikry, um die nestroyanische Sprachbrillanz und deren Gesellschaftskritik ungeniert auf die Bühne zu bringen. Der staatlichen Zensur wurden harmlose Rahmenhandlungen serviert, die Würze jedoch lag zwischen den Zeilen.
So erweist sich die in den Szenen eingestreute Alt-Wiener-Theatermusik ebenfalls als Finte. Der kreisende 3/ 4-Takt in seinem lockeren "m-ta-ta" ist im Grunde genommen ein "fieser Ohrentäuschling" der ganz giftigen Sorte, ein geheimer Verbündeter des Textes im Sturmlauf der Magengegend wider menschlicher Dummheit und Intoleranz.
Kapellmeister Adolf Müller senior, der die meiste Musik zu Nestroy-Stücken schrieb, war kein konzilianter Langweiler, er war feinsinnig genug sich mit seiner Musik zurückzuhalten, damit Nestroy auf satirisch-politische Art Gift und Galle reinmischen konnte.
Tu felix austria: Ob du, Österreich, heutzutage wirklich so glücklich bist, wie der Titel einer Alt-Wiener Volksweise seinem Lande wünscht? In den Zeiten, wo ein adretter, solariumgebräunter Kärntner Naturbursche gegen "Tschuschen" (abwetender Ausdruck für Ausländer) und andere Andersdenkende mobil macht, wünschte man sich mehr intelligent unterhaltende Satiriker im Stile Nestroys (und keine humorige "Ballermann" Verblödung). Was hätte wohl Nestroy zur schwarz-blauen Koalition in Österreich gesagt? "N, do hab'i scho gnu"-hoffentich!